Caravelle Crash vor Madeira

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swisseagle
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Caravelle Crash vor Madeira

Beitragvon swisseagle » 31.12.2018 17:00

Der portugiesische Airport Funchal auf Madeira gehörte lange Zeit zu einem der gefährlichsten Flughäfen. Die einzige Start- und Landebahn liegt in einem Ausschnitt direkt am Berghang der Insel und erinnert an die Verhältnisse auf einem Flugzeugträger. Beginn und Ende der Piste fallen steil zum Meer hin ab, die Bahnlänge betrug früher nur ca. 1600 m und die tückischen, oft starken und wechselnden Winde fordern auch heute noch das ganze Können der Cockpitbesatzungen.
Nach mehreren schweren Unfällen wurde mit einer Pistenverlängerung auf Betonstelzen die grösste Gefahr gebannt. Seither ist es bei aller Schwierigkeit der Anflüge zu keinen dramatischen Ereignissen mehr gekommen.

Im März 1973 flog ich mit meiner Gattin mit der portugiesischen TAP von Zürich nach Lissabon und stieg dort in eine Boeing 727 der gleichen Airline mit Zielflughafen Funchal auf Madeira um. Wir wollten eine Ferienwoche auf der Insel verbringen. Nach einem ruppigen Anflug setzte unsere Boeing hart auf und bremste wuchtig mit der Schubumkehr und den Radbremsen. Als wir über den Taxiway abrollten, konnte ich sehen, wie knapp die verbleibende Pistenlänge war. Bei starkem Regen hätte das mit Aquaplaning ungemütlich werden können. Damals war von einer Pistenverlängerung noch nicht die Rede.

Wir verbrachten erholsame Tage im milden Klima der Insel und erfreuten uns über die gepflegt-gemütliche Atmosphäre abseits der Touristenströme. Am Montag, dem 5. März 1973 unternahmen wir am frühen Nachmittag einen Spaziergang entlang der Strandpromenade. Es war ein warmer Tag und über dem Meer lag starker Dunst. Plötzlich vernahmen wir vom Meer her Flugzeuggeräusche, die nach einem berstenden Krachen verstummten. Einige Zeit später waren die Signale von Feuerwehr und Krankenfahrzeugen zu hören, die auf der höher gelegenen Uferstrasse Richtung Flughafen rasten. Da die berstenden Geräusche vom Ufer her zu kommen schienen, nahmen wir einen schweren Verkehrsunfall an. Erst am nächsten Tag, als uns der Kellner während des Frühstücks im Hotel eröffnete, dass ein Flugzeug beim Anflug ins Meer gestürzt sei, wurde uns alles klar.

Später klärte sich das Geschehen nach und nach: Es handelte sich um einen Leerflug einer Sud Aviation SE-210 Caravelle 10 R der spanischen Fluggesellschaft Aviaco mit dem Kennzeichen EC-BiD, die später von Funchal nach Paris weiterfliegen sollte. An Bord waren der Captain, sein First Officer und ein Line Check Captain. Alle drei Besatzungsmitglieder verloren ihr Leben: das Flugzeug versank vor der Küste im Meer. Das Crashgeräusch, das wir während unseres Spazierganges hörten, war der Widerhall des Absturzes.
Die Unfallursache war offenbar ein Stall (Strömungsabriss) im Endanflug auf die Piste 06 mit nicht mehr korrigierbarem Abschmieren aus geringer Höhe in die See. Möglicherweise war wegen des an diesem Tag starken Dunstes räumliche Desorientierung während des Anfluges nach Sicht im Spiel. Soweit mir bekannt, konnte das Wrack nie geborgen werden.

Bis schliesslich die Verlängerung der Piste auf Betonstelzen die Situation auf Madeira entschärfte, gab es nochmals zwei schwere Unfälle. Ebenfalls eine Caravelle der Schweizer Bedarfsfluggesellschaft SATA, die sich im Nachtanflug auf Funchal befand, geriet zu tief und schlug flach vor der Piste im Meer auf. Ein grosser Teil der Passagiere kam in dem schnell sinkenden Flugzeug ums Leben, weitere konnten gerettet werden.

Eine Boeing 727 der portugiesischen TAP setzte bei Regen und starken, wechselnden Winden weit hinter der Schwelle auf, konnte nicht mehr rechtzeitig abbremsen und raste über das Ende der Piste hinaus. Dann stürzte sie in den felsigen Abgrund. Weit mehr als 100 Passagiere und Besatzungsmitglieder verloren dabei ihr Leben, weitere Fluggäste wurden zum Teil schwer verletzt.

Die sehr gefährlichen Verhältnisse auf dem Flughafen Madeira sind heute weitgehend entschärft. Die oft schwierigen Wetterverhältnisse auf der Insel stellen jedoch weiterhin hohe Anforderungen an die Cockpitbesatzungen und machen jeweils eine gründliche Einweisung der Piloten zur Pflicht, bevor sie diesen Airport anfliegen dürfen.
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Flughafen Madeira (Symbolbild)
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